Mea Shearim in Jerusalem




die Geschichte von Mea Shearim

Der Eingang zu "Mea Shearim" ist nicht zu übersehen. Große Schilder geben klare Verhaltsanweisungen: "Bitte kleiden Sie sich bescheiden, wenn Sie dieses Viertel besuchen. Bitte unterlassen Sie es, in Gruppen durch unser Viertel zu gehen. Sie verletzen unsere Gefühle!" Die hier wohnenden ultra-orthodoxen Juden machen allen Besuchern deutlich, daß man sich ab jetzt auf besonderem Terrain befinden. Seit Ende des 19. Jh. wohnen in diesem Viertel fromme aschkenasische Juden, die mit ihrer Lebensweise und durch ihre Umgangssprache Jiddisch zu anderen Menschen auf Abstand gehen. Seien Sie also nicht überrascht, wenn Sie hier von den Einwohnern ignoriert werden oder abweisende Haltungen erfahren. 1875 verließ eine Gruppe gesetzestreuer Juden die schützende Altstadt, um sich außerhalb der Stadtmauern abzusondern, genau zwischen dem "himmlischen und irdischem Jerusalem". Ihr geistliches Oberhaupt war Meir Ben Isaak Auer-bach (1815-1878). Er war vormals der "Rabbi von Kalisch", stammte aus dem polnischen Dobra und war 1860 aus Liebe zum Heiligen Land nach Jerusalem übergesiedelt. Hier wurde er Oberrabiner der askenasischen Juden. Mea Shearim war das zweite jüdische Viertel außerhalb der Altstadt. Schon 1858 hatte der britisch-jüdische Millionär Moses Montefiore (1784-1885) in "Yemin Moshe" die sogenannten Tura-Häuser errichten lassen. Dies waren niedrige, zinnverzierte Wohnhäuser, die man in Anlehnung an Jesaja 32,18 "Mishkenot Shaananim" (ruhevolle Wohnstätten) nannte. Als in Mea Shearim die neue Wohnanlage gebaut werden sollte, beauftragte man Conrad Schick mit dem Entwurf der Anlage. Conrad Schick war ein deutscher Architekt, Archäologe und evangelischer Missionar. Als er 1901 starb, trauerte ganz Jerusalem. Schick wurde 1822 in Bitz, Baden-Württemberg, geboren. Nach dem Studium in Basel folgte der talentierte Holzhand-werker im Alter von 24 Jahren einem missionarischen Ruf nach Jerusalem. Dort wollte er Juden für den Glauben an Jesus Christus gewinnen. Er wurde dann aber zu Jerusalems berühmtesten Architekten der Neuzeit, denn als er die engen Bethäuser sah, sagte er sich: "Hier braucht man nicht nur Heiligen Geist, sondern auch Sauerstoff".
 Schick kam als Chrischona-Missionar nach Palästina und gründete zusammen mit Ferdinand Palmer ein Brüderhaus für Handwerker-Missionare. Später schloss Schick sich allerdings den Angelikanern an, da sie sich, so wie er, stark sozial engagierten, indem sie z.B. den Einheimischen ein Handwerk beibrachten. Damals war die deutsche Kuckucksuhr etwas ganz Besonderes. Wer es sich leisten konnte, hatte eine, und Schick verdiente zeitweilig seinen Lebensunterhalt mit dem Verkauf von Kuckucksuhren. Schick war handwerklich sehr versiert. Er baute eine beachtenswerte Reihe von Modellen des Jüdischen Tempels, die man z.T. heute in der Christ-Church am Jaffator besichtigen kann. Sein Nachbau der Stiftshütte wurde in Jerusalem von zahlreichen Staatsoberhäuptern besichtigt und wurde im Vereinigten Königreich und auf der Weltausstellung 1873 in Wien gezeigt. Es wurde dann vom König von Württemberg gekauft, der Schick für seine Leistungen in den Ritterstand erhob. Schick baute auch ein Modell des zeitgenössischen Tempelberges und Felsendomes für den osmanischen Sultan. Sein letztes Modell, in vier Teilen, von denen jedes den Tempelberg in einer Zeit darstellt, wurde auf der Weltausstellung 1904 in St. Louis / USA gezeigt. Neben der Planung von Mea Shearim gestaltete Schick auch die anglikanische St. Pauls-Kapelle, das Talitha-Takumi und das Diakonissenkrankenhaus in der Neviim-Straße (Prophetenstraße). Dieses ist heute als Bikur-Cholim-Krankenhaus bekannt ist und wird meist von orthodoxen Juden benutzt. Schicks Wohnhaus, das "Tabor-Haus" (von Psalm 89,12 abgeleitet) ist bis heute wie ein Siegel seiner Werke in Jerusalem. Die Fassade des Gebäudes zeigt immer noch Alpha und Omega in Stein gemeißelt, dazu seine Initialen "CS" und die seiner Frau: "F.D." Heute beherbergt es das "Swedish Theological Institute". 

Namensgebend für diese autarke Siedlung waren zwei Worte aus dem Wochenabschnitt der Tora, der zum Zeitpunkt der Gründung der Mea Shearim-Gesellschaft gelesen wurde: „Und Isaak säte in seinem Lande und erntete in jenem Jahre hundertfach (mea shearim), denn der Herr segnete ihn.“ (1. Mose 26,12)
1880 waren die ersten hundert kleinen Wohnungen bezugsbereit. Sie gruppierten sich um einen offenen bepflanzten Hof, der später durch Kuhställe ersetzt wurde. Bis zur Jahrhundertwende entstand eine komplexe eigene Kleinstadt mit rund 300 Wohneinheiten. Neben orthodoxen Juden aus anderen Teilen Palästinas siedelten sich vor allem gesetzestreue Juden aus Polen und Ungarn in Mea Shearim und seiner unmittelbaren Umgebung an.


 


Lageplan: Mea Shearim bei seiner Gründung im 19. Jh. (c) Wikipedia

Beschreibung von Mea Shearim

An vielen Häusern dieses Viertels ragen kleine mit Eisengittern umgebene Balkons über die Straße hervor. Die Innenhöfe und die enge belebte Straßen verleihen dem Wohngebiet den Charakter des osteuropäischen "Stetels", aus denen seine Bewohner stammen.
Man kleidet sich auch wie im osteuropäischen Stetel mit Schtreimel (pelzbedecktem Hut), Peiyot (Schläfenlocken), Kippa (kleine Kappe) und gestreiftem Kaftan. Man spricht Jiddisch, denn Hebräisch gilt hier als heilige Sprache und ist allein dem Torastudium und dem Gebet vorbehalten. Eine der extremen Gruppen in Mea Shearim ist "Nature Qarta" (Verteidiger der Stadt). Diese Extremisten anerkennen die Existenz des Staates Israel nicht, das sie die Auffassung vertreten, dass dieser erst bei der Ankunft des Messias errichtet werden kann. Die Nature Qarta sind oft sehr heftig und scheuen vor tätlichen Auseinandersetzungen mit ihren Widersachern nicht zurück. Sie verweigern auch den Wehrdienst. Das hebräische Volk hat sich mit ihrer Existenz abgefunden, denn, so sagen manche, gerade der unnachgiebigen Haltung solcher Männer vedankt Israel seine heutige Existenz. Zahlreiche Geschäfte in Mea Shearim bieten Gebetsbücher und jüdische Kultgegenstände zum Kauf an. Hier kann man somit problemlos Silberleuchter, Mesusot (Kapseln für die Türpfosten), Jarmulkas (Kopfbedeckung für die Männer), Talits (Gebetschals), Tifillim (Gebetsriemen) und viele andere rituelle Gegenstände erwerben. Der Markt als das Zentrum des Mea-Shearim-Viertels ist vor allem am Tag vor dem Sabbat voller Aktivität und für jeden Besucher ein Erlebnis. Allerdings sollte man dabei auf einige Vorschriften achten, um mit den ultra-orthodoxen Juden keine Schwierigkeiten zu bekommen. Es empfiehlt sich, dieses Viertel in nicht zu auffälliger oder leichter Kleidung zu besuchen (Beine und Arme sind zu bedecken, Frauen sollten keine Hosen tragen, Männer keine Shorts). Am Sabbat und den jüdischen Feiertag ist es übrigens verboten, mit dem Auto nach Mea Shearim zu fahren, hier zu fotografieren und zu rauchen. Wenn man die Mea Shearim Straße von Osten - vom Ministerium für Erziehung her kommend - betritt, sieht man nach wenigen Metern auf der rechten Seite das ominöse, moderne weiße Gebäude "Jeschiwa Toldot Ahraon". Der Bau ist die Hochburg der antizionistischen, radikalsten Ultraorthodoxen, der Chassidim um Reb Aharon (Toldos Aharon [englisch]). Diese Ultraorthodoxen tragen gestreifte (statt schwarzer) Kleidung und die großen weißen Kappen, die unter den Hüten hervorschauen. Wenige Meter weiter vorne steht links an der Ecke das Gebäude "Jeshiwa Chassidei Breslav", Synagoge und Lehrzentrum der orthodoxen Juden, die der Breslover Richtung folgen. Dieses Zentrum wurde 1953 von Rabbi Eliyahu Chaim Rosen gegründet. Am östlichen Ende der Ein Yaakov-Straße befindet sich das Zentrum der "Toldos Abraham Yitzak" Gruppe, eine Absplitterung von "Toldos Aharon". In einer der Seitenstraßen der Ein-Yaakov-Straße (sie verläuft etwas südlich, parallel zur Mea Shearim-Straße) erhebt sich das "Beit Abraham" (Abrahams Haus).



Eingang nach Mea Shearim an den Shlomo Zalman Baharan Str. / Ecke HaRav Shmuel Salant



Häuser in Mea Shearim - Blick in die HaMelacha Straße



Häuser in Mea Shearim in der Shlomo Zalman Baharan Str




Jeshiwa in der westlichen Einkaufsmeile Ein Yaakov-Straße



Blick in die Ein Yaakov-Straße - Blickrichtung nach Osten



Blick in die Ein Yaakov-Straße - Blickrichtung nach Osten



Haus Abraham in der Yeshuot Yaakov-Straße



neben dem Haus Abraham an der Yeshuot Yaakov-Straße



die Jeshiwa "Mosdot Toldot Avraham Yitzchak" in der Ein Yaakov-Straße 



die Jeshiwa Or Hanalim / Jeshiva Breslov in der Mea Shearim-Straße



die Jeshiwa Or Hanalim / Jeshiva Breslov in der Mea Shearim-Straße 



die Jeshiwa "Mosdot Toldot Aharon" in der Mea Shearim-Straße 



Ecke Mea Shearim-Straße / Shivtei Israel-Straße



die Merchantil-Bank in Mea Shearim in der Shivtei Israel Str. 



modernes Gebäude in Mea Shearim



orthodoxe Juden in Mea Shearim



orthodoxer Lehrer und Schülerschaft 









Mea Shearim um 1900

(c)  www.theologische-links.de 


Feigen sollte David essen, immerzu Feigen, und Psalmen aufsagen, dann würde ihm die Lust auf Männer schon vergehen. Oder: Sich jedesmal auf die Zunge beißen, wenn es ihn trieb. Der junge Mark wurde von den Eltern nach Israel geschickt, als er ihnen seine Homosexualität offenbarte. Im Heiligen Land kann es ja keine Schwulen geben. Ein allzu frommer Wunsch und eine fatale Fehleinschätzung. Auch Feigen und Zungenbeißen haben nichts gefruchtet. David und Mark sind immer noch schwul - und zugleich orthodoxe Juden.

Homosexualität und orthodoxes Judentum, wie geht das zusammen? Wie alle monotheistischen Weltreligionen hat auch die jüdische mit der Homosexualität große Probleme. Die Bibel verdammt den Verkehr mit einem anderen Mann als mit dem Tod zu bestrafendes Gräuel. Aber es gibt sie doch, als einzelne sowieso, mittlerweile sogar in Gruppen: Orthodykes oder Gay and Lesbian Yeshiva heißen sie. Sogar offen schwule orthodoxe Rabbiner gibt es.. Aber wahrscheinlich denken religiöse Menschen einfach anders.
(c)  Silvia Hallensleben


Wenn es nach den Ultraorthodoxen in Israel ginge, müssten Frauen in Bussen hinten sitzen. Gesichter von Frauen auf Plakaten sind für sie inakzeptabel. Der Einfluss der Ultraorthodoxen wächst spürbar. Mitten im modernen Staat Israel beanspruchen sie immer mehr Raum für sich, Raum, in dem ihre rigiden Regeln gelten sollen.

Heute gehören zehn Prozent der Bevölkerung zu den streng Religiösen. Sie leben, als hätte es Aufklärung und Demokratie nie gegeben. Zudem lehnen große Teile der Ultraorthodoxen den Staat Israel und den Zionismus ab.
Zwei Männer tanzen auf der Straße, in Mea Shearim, dem Viertel der religiösen Juden in Jerusalem. Sie tragen buschige schwarze Bärte und Schläfenlocken, weiße Hemden und weiße Käppis auf dem Kopf. Sie haben ihren roten Transporter am Straßenrand abgestellt. Er blockiert den Bürgersteig und die enge Straße. Auf dem Dach des Transporters ist ein mächtiger Lautsprecher installiert. Die beiden fassen sich an der Schulter, recken die Arme in die Höhe und lachen. Sie verehren Rabbi Nachman von Bratslaw, der im 18. Jahrhundert in der Ukraine lebte und halten sich an seine mystische Lehre.
Auf dem Bürgersteig drängen sich Männer in schwarzen Kaftanen an dem störenden Wagen vorbei. Ernst, befremdet, kopfschüttelnd blicken sie auf die tanzenden Männer. Auch die Zuschauer sind streng religiöse Juden. Aber ihre Kleidung verrät, daß sie zu einer anderen Gruppierung gehören: schwarzer Hut, Schläfenlocken, an den Hosennähten hängen die Schaufäden ihrer Gebetsschals. Alle hier sind Ultraorthodoxe – und doch ganz verschieden.
Wir sind auf dem Weg zu Rabbiner Avraham Froilich in Mea Shearim. Er leitet ein Jeschivah, eine Talmudschule in Mea Shearim.
„Ich bin von – wie man sagt – Lita’im, obwohl ich aus einer deutschen Familie geboren bin. Meine Eltern sind in Michelstadt geboren und gelebt in Gelsenkirchen, aber die Erziehung der Familie, die aus Deutschland gekommen ist, ist näher an der litvischen Erziehung.“
Es gibt zwei Gruppen von streng Religiösen: die Chassidim und die Litauer. Das Zentrum der Litauer war vor dem Holocaust Wilna, die litauische Hauptstadt, das „Jerusalem des Ostens“. Die Lehre der Litauer hatte Einfluss weit über die Grenzen des Landes hinaus, nach Polen, Ungarn – und bis nach Deutschland. Die Litauer studieren die ganze Woche über den Talmud, das große universale Werk der rabbinischen Literatur. Der Talmud ist eine Auslegung der 613 Gebote aus den fünf Büchern Mose – ein Buch voller Diskussionen über das jüdische Religionsgesetz. Auch die andere große Gruppe der Ultraorthodoxen, die Chassidim, lesen den Talmud, aber sie sind offener für andere religiöse Ausdrucksformen als das Studium: Sie tanzen, singen und deuten die Thorah mystisch. Für Litauer wie Avraham Froilich sind das Ablenkungen vom Eigentlichen. Aber heute, meint Froilich, sei der Unterschied zu den Chassidim gar nicht mehr so erheblich wie zu den Zeiten des großen Rabbis Baal Schem Tov. Er begründete den Chassidismus.
„Der Chassidismus ist gegründet worden vor ungefähr 250 Jahren durch den Rabbiner Baal Schem Tov. Er war in der Ukraine, in Mesritsch. Damals war eine sehr schwere Zeit. Die Ukrainer und die Polen haben damals große Vertreibungen und Vernichtungen des Judentums gemacht.“
Wer in den großen Zentren der streng Religiösen in Israel lebt, kann an der Kleidung erkennen, zu welcher Gruppe ein Charedi, ein Gottesfürchtiger, gehört. Die Chassidim sehen besonders urtümlich aus mit ihren Streimeln, den osteuropäischen Pelzmützen, die sie am Sabbat auch in der Hitze des Orients tragen. An der Farbe der Mäntel läßt sich erkennen, zu welcher Gemeinschaft sie gehören: Gur, Satmer, Bels, Vishnitz, Chabad oder Bratslaw. Einige tragen Knickerbocker-Hosen und Kniestrümpfe, andere breite Gürtel. Die Litauer dagegen wirken weniger fremd. Sie tragen schwarzen Hut und Anzug und einen gestutzten Bart. Und sie verzichten auf lange Schläfenlocken. Der Potsdamer Judaist Eik Dödtmann hat die Unterschiede bis ins Detail studiert. Er arbeitet an einer Dissertation über das „Erstarken“ der Charedim in Israel.
„Für einen Insider, für einen, der selber Charedi, Ultraorthodoxer ist, ist die Kleidung quasi das Erkennungsmerkmal schlechthin. Weil wenn man sich in dieser Welt bewegt, wenn man in Bnei Brak oder Mea Schearim aufgewachsen ist, dann kennt man die Codes, die für einen Außenstehenden jetzt nicht sichtbar sind, weil man das Gefühl hat: Die sehen alle gleich aus.“
Gehen wir ein paar Gassen weiter durch Mea Shearim, durch Gassen, die so eng sind, das keine Autos durchfahren können. An einer Straßenecke prangt neben einem Gewirr von Elektro- und Telefonkabeln ein weißes Blechschild an der Hauswand. „Jeshivat Thorah waJir’ah“ steht da in großen schwarzen Buchstaben – „Talmudschule Thorah und Gottesfurcht“. Es ist die Kaderschmiede der strengsten Antizionisten unter den Ultraorthodoxen, der Gruppierung „Neturei Karta“. Wie der Name sagt, begreifen sie sich als die „Hüter der Stadt“, als Wächter von Jerusalem. Am Eingang empfängt uns Chaim Erntal, ein weißbärtiger alter Mann im schwarzen Kaftan.
„Die Juden, die die Thorah studieren, die tun, was in der Thorah steht, die die Thora nicht untergehen lassen – das sind die Hüter der Stadt.“
Chaim Erntal spricht Jiddisch. Hebräisch als moderne Alltagssprache akzeptiert er nicht. Die Wiederbelebung der biblischen Sprache durch die Zionisten lehnen die Männer von „Neturei Karta“ ab. Modernes Hebräisch zu sprechen, ist für sie eine Sünde – wie überhaupt die zionistische Ideologie.
Die Gründung eines Staates Israel hat für die Gruppierung „Neturei Karta“ etwas Anmaßendes. Juden sollen sich ihrer Meinung nach von den anderen Völkern dadurch unterscheiden, dass sie gerade keinen weltlichen Staat gründen. Sie leben in der Erwartung des Messias und des mit ihm kommenden göttlichen Staates.
Die radikalen Antizionisten unter den Ultraorthodoxen berufen sich auf ein Zitat aus dem Talmud. Da ist im Traktat Ketubbot von drei „Schwüren“ die Rede. Die Gottesfürchtigen sollen sich verpflichten, erstens nicht in Massen und mit Gewalt ins Land Israel einzuwandern. Zweitens sollen sie die Völker der Welt nicht herausfordern. Und drittens sollen die Juden geloben, keine eigene Regierung zu bilden. Die Antizionisten unter den Charedim interpretieren diese Maßgaben gegen den Staat Israel.
Die höchste Autorität der Neturei Karta ist Rabbi Reuven Katzenellenbogen. Seine Familie stammt aus Litauen. Der Urgroßvater Katzenellenbogen wanderte schon Mitte des 19. Jahrhunderts nach Palästina ein, vor dem Beginn der zionistischen Einwanderung.
„Das ist ein Unterschied, ob ich dort nur wohnen will oder ob ich dort eine Armee habe und Gewalt ausübe. Wir sind hierher gekommen, als die Türken und die Briten regierten – egal wer. Ein Jude in Amerika wohnt unter Amerikanern. Ein Jude in Amerika will keinen eigenen Staat haben in Amerika. Da sagen wir doch auch nicht: dass wir so viele sind und deshalb etwas eigenes haben wollen.“
Katzenellenbogen ist stolz, dass alle seine Anhänger lupenreine Antizionisten sind. Das heißt: Sie sind nicht nur ideologisch gegen den Staat, sondern auch praktisch. Sie nehmen kein Kindergeld vom Staat an und keine Stipendien für Talmud-Studenten. Und sie beten nicht an der Westmauer des früheren israelitischen Tempels unterhalb des Felsendoms. Diese sogenannte „Klagemauer“ haben die Zionisten 1967 mit Gewalt erobert, und sie wurde zum Wahrzeichen des zionistischen Staates. Für Katzenellenbogen und seinen Adlatus Chaim Erntal ist das inakzeptabel. Dass ein junger Mann, der in der Tradition der Neturei Karta aufwächst, nicht zur israelischen Armee geht, versteht sich von selbst.
„Warum gehen sie nicht? Weil es Juden verboten ist, ein Gewehr zu tragen, eine Armee zu haben. Sich zu schlagen wie die Völker, das ist etwas ganz Schlimmes. Und sie sind hingegangen und haben sich mit den Arabern bekriegt – das gehört sich nicht. Juden dürfen nicht ins Militär gehen, weil das gegen Gottes Gebot ist.“
Einen so strengen Antizionismus vertreten nur etwa fünf Prozent der Charedim. Die große Mehrheit ist „a-zionistisch“, wie es der Experte Eik Dödtmann formuliert: Sie nehmen Geld vom Staat, aber im alltäglichen Leben ist für diesen Staat kein Platz. Es spielt sich allein in der ultraorthodoxen Gesellschaft ab.
„Zu allererst gilt: Ihre Form von jüdischer Identität, nämlich dieser strengen Einhaltung aller Gebote und Verbote, 613 an der Zahl, der strikten Einhaltung von Ritualen, dem Familienbild, dem Ideal des jüdischen gelehrten Mannes zu entsprechen – das sind im Endeffekt die obersten Werte, und der Staat und das Land Israel sind – sagen wir mal – zweitrangig.“
Was Litauer und Chassidim verbindet, ist dies: Sie gehen mehrheitlich nicht arbeiten. 55 Prozent der männlichen Ultraorthodoxen widmen ihr Leben ganz dem Studium der heiligen Schriften und ihrem Glauben. Das ist ein künstlicher Zustand. In den osteuropäischen Herkunftsorten war es üblich, dass die Gottesfürchtigen auch einen weltlichen Beruf hatten – bis auf wenige Rabbiner. Menachem Brod, der Sprecher der chassidischen Chabad-Gemeide, erklärt, warum es in Israel heute anders ist.
„Die Wahrheit ist, dass das etwas ist, das es so in der Vergangenheit nicht gegeben hat. Früher war es so, dass ein sehr kleiner Teil des Volkes Israel die Thorah studiert hat, und die anderen, auch die Ultraorthodoxen, haben gearbeitet. Dann kam es zu einer Reaktion auf die Shoah: Die Shoah hat uns diese Welt des Thorah-Studiums zerstört, all die Meister des Thorah-Studiums wurden durch die Shoah vernichtet. Deswegen muß die Welt des Thorah-Studiums wieder aufgebaut werden, und daher hat man gesagt: Jetzt sollen alle nur noch Thorah studieren. Und sie hatten wirklich Erfolg damit, sie haben die Welt der Thorah wieder aufgebaut. Aber jetzt ist sie schon zu groß geworden, man kann es gar nicht mehr aufrecht erhalten. Deswegen beginnt jetzt in der ganzen charedischen Bevölkerung ein Trend, sich auf den Arbeitsmarkt zu begeben. Es geht einfach nicht anders.“
Immerhin arbeiten 60 Prozent der ultraorthodoxen Frauen. Der Staat unterstützt die Großfamilien durch Kindergeld und Stipendien für verheiratete Studenten an den Talmudschulen. Dennoch leben 60 Prozent der Charedim unterhalb der Armutsgrenze. Eine unproduktive Gesellschaft kann auf Dauer nicht überleben. Das wird immer mehr Charedim klar: In den vergangenen zwei Jahren stieg die Beschäftigungsquote der Ultraorthodoxen von 38 auf 45 Prozent. Einer der Charedim, die den Militärdienst absolviert und einen weltlichen Beruf haben, ist Kobi Arieli.
Arieli ist Moderator beim Armee-Rundfunk. Jeden Vormittag um 10 Uhr hat er seine eigene Show. Zusammen mit einer Co-Moderatorin plaudert er eine ganz Stunde lang, ohne Pause.
„Der harte Kern wird hart bleiben, und an den Seiten wird es immer größere Öffnungen geben. Ich bin zu hundert Prozent überzeugt, dass die orthodoxen Juden auf eine absolute Israelisierung zugehen. Die orthodoxen Juden werden sich einfügen und ein Teil der israelischen Gesellschaft werden. Übrigens wird in der Armee auch der Kommandant orthodox sein. Ich habe nicht den geringsten Zweifel daran. Das ist ein Prozess, der zwangsläufig eintreten wird.“
Am weitesten ist dieser Prozess schon heute unter den orientalischen oder sephardischen Ultraorthodoxen vorangeschritten. Ein großer Teil von ihnen arbeitet und leistet den Militärdienst. In der Knesset sind sie mit zehn von 120 Sitzen stark vertreten – in der „Schas“-Partei. Aus der Sicht des Knesset-Abgeordneten Chaim Amsalem, eines Abtrünnigen von Schas, müsste die Partei die Integration der Charedim noch stärker vorantreiben.
„Ich war der Erste, der gesagt hat: Ich bin ein orthodoxer Jude und zionistisch. Ein orthodoxer Jude und Zionismus – das passt nicht zusammen. Kann es so etwas geben, orthodox und zionistisch? Ja. Denn für mich ist ein orthodoxer Jude jemand, der die Gebote einhält, und ich bin Zionist, weil ich denke, dass wir den Staat Israel stark machen müssen, dass wir für diesen Staat Militärdienst leisten und arbeiten müssen. Wir müssen das Ghetto verlassen. Wir sind nicht aus den Ghettos geflohen, um hier ein neues, großes Ghetto zu schaffen.“
Für viele Ultraorthodoxe ist die Rede von der „Israelisierung“ der Charedim eine unerträgliche Vorstellung. Ihnen schwebt das Gegenteil vor: Ein frommes Volk Israel, das als Ganzes nach den Regeln der Thorah lebt – letztlich ein Gottesstaat. Der Jerusalemer Rabbiner Aharon Shapira warnt vor einem Wandel.
 „Die Welt der Thorah wacht eifersüchtig über ihren Weg, über ihre Traditionen. Sie ist nicht bereit und wird nie bereit sein, irgendetwas zu verwässern. Im Gegenteil: Sie haben einen klaren Weg, der von unseren Vätern und Vorvätern vorgegeben wurde. Es ist ein sehr klarer Weg ohne jegliche Abweichungen, nicht mal die kleinste. Und die Welt der Thorah wird mit aller Macht daran festhalten und wird es nicht zulassen, dass eine ‚Israelisierung‘ – wie Sie es nennen – passiert. Im Gegenteil: Wir halten an der alten Methode fest, ohne jede Veränderung.“

(c)  dradio.de


Der Messias gegen Covid-19

Israel kämpft mit Ausgangssperren und einem Versammlungsverbot gegen das Coronavirus. Nur eine Gruppe hält sich nicht daran: die ultraorthodoxen Juden. Einige von ihnen hoffen lieber auf Gott.

Von Alexandra Rojkov  03.04.2020,


 

Ein Polizeieinsatz in Mea Shearim, dem religiösen Viertel von Jerusalem

 Foto: Ilia Yefimovich/ dpa



Die Religiösen in Israel haben neuerdings ihre eigene Polizei. Beamte, mit Mundschutz und Einweghandschuhen bewaffnet, patrouillieren durch Orte wie Mea Shearim in Jerusalem und Bnei Brak in der Nähe von Tel Aviv.

In diesen ärmlichen Vierteln leben die Haredim, die "Gottesfürchtigen", wie sie sich selbst nennen: ultraorthodoxe Juden, die ihr Leben dem Thora-Studium und den Geboten Gottes widmen. Normalerweise lässt der Staat diese religiöse Minderheit weitestgehend in Ruhe. Doch in diesen Tagen muss die Polizei die Haredim vor sich selbst schützen.

Nirgendwo in Israel gibt es derzeit so viele Corona-Fälle wie in den religiösen Stadtteilen. Mehr als 700 bestätigte Infektionen zählen die Behörden in Jerusalem, fast ebenso viele in Bnei Brak. Und nirgendwo hat das Virus so leichtes Spiel: Die Haredim leben in Großfamilien mit acht, zehn, manchmal zwölf Kindern. Weil sie ihr Leben oft ausschließlich der Religion verschrieben haben, sind die Familien arm und wohnen auf engstem Raum.

Kein Wunder, dass das Virus unter den Religiösen in Israel besonders grassiert. Mehr als die Hälfte aller Infektionen im Land gehen laut Medienberichten auf die Haredim zurück. Um die Ausbreitung von Covid-19 zu stoppen, will Israels Regierung leicht erkrankte Haredim in Hotels unterbringen, bis sie genesen sind.

Andere Politiker forderten seit Tagen, die Siedlungen der Ultraorthodoxen ganz abzuriegeln. Am Freitagmorgen war es in Bnei Brak soweit: 1000 Polizisten sichern die Zugänge zur Stadt. Nur wer eine spezielle Erlaubnis hat, darf noch hinein oder hinaus. So soll verhindert werden, dass das Virus, das in dem religiösen Örtchen wütet, auf den Rest des Landes überspringt.

Die "Gottesfürchtigen" halten sich nur bedingt an die Ausgangssperre, die Israels Regierung über das ganze Land verhängt hat. Im Moment sind Menschenansammlungen eigentlich verboten, Israelis dürfen sich nicht weiter als 100 Meter von ihrem Haus entfernen. Videoaufnahmen aus den religiösen Vierteln zeigen dagegen Männer, die zum Gebet strömen. Manche Straßenzüge sind bevölkert, als sei alles ganz normal.

Die Religiösen erkennen die Autorität des Staates nicht an, selbst wenn sie Teil davon sind. Israels Gesundheitsminister Yaakov Litzman gehört beispielsweise einer strenggläubigen Partei an. Ende März gab Litzman eine Pressekonferenz und wurde von einem Reporter gefragt, ob die aktuelle Ausgangssperre vor dem 8. April aufgehoben werde: Dann beginnt in Israel das Pessach-Fest, ein wichtiger jüdischer Feiertag.

Israel fragt sich, ob es klug ist, das Gesundheitsministerium einem Mann zu überlassen, der sich bei der Bekämpfung von Covid-19 eher auf Gott verlässt als auf die Wissenschaft"

Litzmans Antwort: Man hoffe, dass der Messias vorher erscheine, um Israel zu erlösen. Seitdem fragt sich das ganze Land, ob es klug ist, das Gesundheitsministerium einem Mann zu überlassen, der sich bei der Bekämpfung von Covid-19 eher auf Gott verlässt als auf die Wissenschaft.

Auch die israelische Regierung scheint sich ihren Rat momentan eher nicht aus dem Gesundheitsministerium zu holen. Einem Bericht der Zeitung "Haaretz" zufolge hat Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu eine Gruppe von Professoren um sich geschart, die über die Corona-Strategie des Landes entscheiden. Wichtige Epidemie-Experten des Landes würden ausgeschlossen, ihre Meinungen nicht gehört. Netanyahu, der sich gerade seine vierte Amtszeit als Ministerpräsident sicherte, bestimme mehr oder weniger allein über Israels Weg aus der Coronakrise.

Netanyahu ist in Quarantäne, der Mossad-Chef ebenso

Derzeit tut Netanyahu das aus der Quarantäne heraus: Eine seiner Mitarbeiterinnen wurde positiv auf das Virus getestet. Auch Aviv Kochavi, Israels höchster Militärkommandant, ist aktuell wegen Corona-Verdachts in Isolation, ebenso wie der Mossad-Chef. 37 Menschen sind in Israel bislang an dem Virus gestorben.

Die Religiösen scheint das nicht zu beunruhigen. Als die Polizei die Haredim in Jerusalem an einer Versammlung hindern wollte, hustete ein Junge die Beamten an. Absichtlich.
Gesundheitsminister Litzman wurde inzwischen sogar positiv auf das Virus getestet. Er soll sich israelischen Medienberichten zufolge bei einem jener Gottesdienste angesteckt haben, die sein Ministerium selbst verboten hatte.


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